„Das Spannendste in der EMS-Branche: der unaufhaltsame Wandel“

Ein Interview mit A+B Electronic-Gründer Manfred Hartwig und dem Geschäftsführer Jörg Kiehnscherf

Wie sieht die Zukunft der EMS-Branche (Electronic Manufacturing Service aus)? Welchen Stellenwert wird das Label „Made in Germany“ noch haben? Wann werden der 3D-Druck und die Robotik gänzlich im Alltag der EMS-Branche angekommen sein? Und wie wichtig wird der persönliche Kundenkontakt in Zukunft sein? Zu diesem Gespräch trafen sich Manfred Hartwig und Jörg Kiehnscherf – zwei Generationen, zwei Perspektiven und jede Menge Diskussionsstoff.

Herr Hartwig, Sie blicken heute mit zweijährigem Abstand auf die EMS-Branche. Als Gründer von A+B Electronic und Experte mit fast 50-jähriger Branchen- und Unternehmenserfahrung – was denken Sie über die EMS-Branche?

Manfred Hartwig: Für mich war die gesamte Zeit, in der ich diese Firma geleitet habe, eine sehr spannende Entwicklung. 50 Jahre sind ein langer Zeitraum – da ist viel passiert. Ab Mitte der 1990er-Jahre begann sich der Markt umzustellen. Es gab immer wieder Zeiten, in denen ich dachte, ‘wenn das so weitergeht, ist die deutsche EMS-Branche in fünf Jahren pleite’ – aber dem ist Gott sei Dank nicht so. Das Spannende an der EMS-Branche ist für mich der unaufhaltsame Wandel. Und das breite Kundenspektrum.

Herr Kiehnscherf, Sie sind seit 2019 Geschäftsführer von A+B Electronic und streng genommen ein EMS-Quereinsteiger. Wie blicken Sie auf die Branche?

Jörg Kiehnscherf: Mit einer gewissen Art von Begeisterung. Denn wenn ich meinen Blick über den gesamten deutschen Markt schweifen lasse, sehe ich, es gibt überraschend viele Anbieter. Die Branche ist außerordentlich vielfältig. Da wundert es fast schon, dass es bisher nicht diesen Drang gegeben hat, viel stärker zu zentralisieren. Es gibt zwar ein paar wenige Big Player, aber es gibt auch überraschend viele, die daneben noch existieren. Und das ist symptomatisch für die Dynamik, die sich in diesem Markt ausbildet. Immer wieder. Es gibt halt nicht diesen einen Dominator, der den Markt bestimmt und in eine bestimmte Richtung drängt. Und das macht es unheimlich spannend. Natürlich geht mein Blick auch in Richtung Osteuropa. Das sind die Herausforderungen der nächsten Jahre.

Herr Hartwig, es gibt wohl kaum ein Segment, das sich derzeit nicht wandelt. Wie betrachten Sie den heutigen Wandel in der EMS-Branche?

Manfred Hartwig: Es gibt Huawei. Es gibt Samsung. Es gibt Apple. Wenn man sich allein die Unterhaltungselektronik anschaut, wird einem schnell klar, dass fast alles elektronisch gesteuert wird, EMS ist also überall. Und das Spektrum geht von der Küchenmaschine bis zur Mondrakete. Selbst im Kuhstall wird heute Elektronik verwendet – da haben wir eine Reihe von Kunden auf diesem Sektor. Wissen Sie, wenn Sie das alles addieren, kommen wir doch ganz leicht zu der Erkenntnis, dass der EMS-Branche eine gute Zukunft bevorsteht. Nur wie sie konkret aussieht, wissen wir noch nicht.

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Jörg Kiehnscherf: Wir sind in der EMS-Branche klar technologiegetrieben. Durch die Miniaturisierung der Elektronik müssen wir immer wieder Fertigungstechnologien weiterentwickeln und neu entwickeln. Das geht mittlerweile so weit, dass Elektronik aus dem 3D-Drucker kommen kann. Davon sind wir im Alltag noch weit entfernt und ich habe das auch noch nicht live gesehen. Aber da geht die Reise hin. Und konträr dazu sehen wir teilweise Kunden, bei denen noch technologischer Rückstand herrscht. Was im Umkehrschluss heißt, dass noch ziemlich viel Digitalisierungspotenzial vor uns liegt. So entsteht und bleibt auch langfristig Dynamik in der EMS-Branche.

In vielen Branchen werden sogenannte Innovationsmanager eingesetzt. Wie bleiben Sie am Ball?

Jörg Kiehnscherf: Ganz wichtig für uns: Wir sind regelmäßig mit unseren Kunden im Gespräch. Gerade bei langjährigen Kunden werden wir frühzeitig in Entwicklungsphasen neuer Produkte eingebunden. Unsere Stärke als Dienstleister ist, dass wir unser Know-how in das Projekt einfließen lassen können. Die Innovationen bringt also der Markt mit sich: Unsere Kunden entwickeln neue Produkte, wir werden eingebunden und entwickeln uns auch in der Leiterplattenbestückung weiter. Unsere Aufgabe ist es, aufmerksam zu sein und auf die Veränderungen am Markt flexibel zu reagieren. Dafür haben wir im Unternehmen eine sehr gute Altersstruktur: von jungen Fachkräften bis hoch zu den erfahrenen Jahrgängen. Dieser Mix führt aus meiner Sicht dazu, dass wir innovativ bleiben. Junge Leute, die für vieles offen sind, vielleicht auch mit Spinnereien um die Ecken kommen, gepaart mit der Erfahrung der langjährigen Mitarbeiter – so entstehen viele neue Ideen und tolle Lösungen.

„Trotz aller digitaler Transformation wird man nicht dahin kommen, dass der persönliche Kontakt ausbleibt. Ich wünsche es der EMS-Branche jedenfalls.“

Manfred Hartwig
Gründer
A+B Electronic

Herr Hartwig, wagen Sie einen Blick in die Zukunft? Was glauben Sie, wie wird sich die Branche entwickeln?

Manfred Hartwig: Aus meiner Sicht wird die Digitalisierung dazu beitragen, dass deutsche EMS-Dienstleister auch international wettbewerbsfähig bleiben. Und dennoch glaube ich, dass der chinesische Markt außer Konkurrenz läuft. Dort gibt es Produktionskapazitäten und Dynamiken, von denen können wir in Europa zum Teil nur träumen. Das ist in einer gewissen Weise auch beeindruckend – und für uns unerreichbar. Allerdings in Bezug auf die Rahmenbedingungen nicht wünschens- oder erstrebenswert. Aber wer kurze Wege in Europa will, der wird weiterhin in Deutschland fertigen lassen. In diesem Punkt ist das Label „Made in Germany“ noch etwas wert. Und da bin ich nach wie vor der Meinung, dass der persönliche Kontakt zum Kunden unbezahlbar ist.

Herr Kiehnscherf, malen Sie ein Zukunftsbild – was glauben Sie, wie wird sich die Branche in den nächsten Jahren darstellen?

Jörg Kiehnscherf: Bezüglich des persönlichen Kontakts bin ich anderer Meinung. Ich nenne das den Amazon-Effekt. Es wird sich im Beruflichen so entwickeln wie im Privaten. Die nachfolgenden Generationen kaufen immer seltener im Einzelhandel vor Ort ein. Und nehmen nur noch selten eine persönliche Beratung in Anspruch. Da bin ich mir ziemlich sicher. Das wird auch in unserer Branche kommen. Es wird eine anonymisierte Bestellung geben – digital. Über ein Portal. Natürlich wird es Klärungen zwischendrin geben. Aber die Kommunikation wird online stattfinden. Hinsichtlich der Bestellung, hinsichtlich der Abwicklung. Und dadurch sind wir getrieben, schneller zu werden und flexibel zu bleiben. Darauf müssen wir uns einstellen. Unsere Denkweise, die Prozesse, die Kommunikation, die Softwaregestaltung – all das wird ein Treiber sein. Aber klar, Preiskampf und Wettbewerb wird es immer geben.

„Eine Hybridlösung kann für die kommenden Jahre ein praktikables Modell werden, um neue Kunden bedarfsgerecht aufzufangen: vor Ort präsent und digital jederzeit.“

Jörg Kiehnscherf
Geschäftsführer
A+B Electronic