Bauteilknappheit in der Elektronikbranche: „Es ist schon lange nach zwölf“

Die Bauteilknappheit hat die Elektronikbranche fest im Griff. Einkäufer Marcus Hartwig gibt einen Überblick der Lage und zeigt auf, was Unternehmen jetzt tun können.

Ein Fehlen von kleinsten elektronischen Bauteilen kann ganze Produktionen in der Automobilindustrie lahmlegen. Krisen gab es schon viele, aber was ist so schwerwiegend an der aktuellen Bauteilknappheit? Und was können Unternehmen jetzt tun, die auf bestückte Leiterplatten angewiesen sind? Marcus Hartwig ist Leiter des strategischen Einkaufes bei A+B Electronic: „Zu sagen es wäre ‚fünf vor zwölf‘, das hätte vor einem halben Jahr gepasst. Es ist schon lange nach zwölf.“

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Am 05. Oktober haben wir einen aktualisierten Überblick der Weltmarktlage für elektronische Bauteile veröffentlicht.
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Herr Hartwig, es führt kein Weg an dem Thema vorbei. Entlang der gesamten Lieferkette hat die Elektronikbranche mit der Bauteilknappheit zu kämpfen. Als Einkäufer haben gerade Sie täglich mit der Problematik zu tun. Deshalb zu Beginn die Frage, wie schätzen Sie denn die aktuelle Situation am Markt ein?

Marcus Hartwig: Natürlich gibt es in unserer Branche immer Aufs und Abs, sowohl was die Nachfrage als auch das Angebot angeht. Ein paar Krisen habe ich in meinen 20 Jahren bei A+B Electronic schon mitgemacht. Aber das, was wir momentan erleben, das hat es in diesem Maße noch nicht ansatzweise gegeben. Es sind vor allem aktive Bauteile betroffen, wie ICs, Prozessoren, Speicher. Aber auch die passiven Bauteile ziehen langsam nach. Und in Mengen, dass es nicht mehr nur einzelne Projekte oder Kunden betrifft, sondern die volle Bandbreite. Viele Hersteller der Bauteile geben uns Lieferzeiten von 40 bis 70 Wochen durch. Das Maximum, das ich gehört habe, waren 75 Wochen. Da sind wir schon Mitte 2022. Bei vielen Herstellern befinden wir uns in einer Allocationphase und bekommen oftmals nach eher unbestimmter Zeit Teilmengen geliefert. Der Markt spielt verrückt, anders kann ich es nicht sagen.

Wie ernst die Situation ist, zeigt die Automobilindustrie. Selbst die großen Hersteller müssen auf Kurzarbeit umstellen oder ganze Werke schließen, weil sie keine elektronischen Bauteile mehr bekommen. Da kann man sich vorstellen, was am Markt los ist. Das sind immerhin die großen Kunden der Branche. Wenn selbst die keine Versorgung sicherstellen können, weiß jeder, dass die Stunde geschlagen hat.

„Um die Situation einmal zu schildern, wie sie sich momentan darstellt. Ich glaube, man kann von der größten Krise dieser Branche sprechen.“

Marcus Hartwig
Leiter strategischer Einkauf
A+B Electronic

Ist die Bauteilknappheit allein der Pandemie geschuldet?

Marcus Hartwig: Nein, das kann man so nicht sagen. Es ist sicherlich so, dass es eine Summe aus vielen ganz unglücklichen Puzzleteilen ist. Aber in manchen Bereichen ist Corona schon eine Art Brandbeschleuniger. Auf Seiten der Bauteil-Produktion kommt es zu Ausfällen und Verzögerungen. Ein Beispiel sind hier auch die Transportwege. Bauteile werden unter anderem im Flugverkehr in den normalen Passagiermaschinen transportiert. Die starten derzeit deutlich weniger. Plakativ dargestellt: Die Menschen kommen nicht in den Urlaub, also bekommen wir keine Bauteile. Auch im Seeverkehr gab und gibt es Engpässe, die mit Corona zusammenhängen.

Steigende Rohstoffpreise mögen bestimmt auch Teil des Problems sein. Das ist der Anfang der Lieferkette. Wo treten weitere Probleme auf?

Marcus Hartwig: Ein großes Problem sind die Preise. Wir haben hier wirklich mit enormen Preissteigerungen zu tun. Für viele Bauteile bezahlen wir einen vielfach höheren Preis. Der Bedarf übersteigt einfach immer mehr das Angebot. Wachsende Segmente wie die E-Mobilität, Unterhaltungselektronik oder das ganze Thema 5G benötigen so viele technische Komponenten, dass sie an anderen Enden fehlen. Eigentlich eine einfache Rechnung. Wenn das Angebot gleichbleibt oder sogar sinkt, der Bedarf aber steigt, dann sind Probleme vorprogrammiert.

Und das schlimme ist, viele Kunden haben sich noch nicht auf die Situation eingestellt. Es fehlt das Verständnis für die steigenden Preise und die langen Liefertermine. Klar kann man in Einzelfällen Aufträge noch kurzfristig umsetzen, aber in diesen Fällen lassen sich die Lieferanten das fürstlich bezahlen.

Was bedeutet eigentlich Allocation?

Für die meisten in der Branche ist es keine Frage wert, aber für Quereinsteiger und Laien möchten wir es trotzdem kurz erklären.

Allocation bedeutet so viel wie Zuteilung. In Situationen wie jetzt können uns die Hersteller unserer Bauteile oftmals nicht die gesamte Auftragsmenge zusichern. Stattdessen bekommen wir oft Teilmengen, die uns durch den Hersteller oder die Distributionen zugeteilt werden. Liefertermine verzögern sich und uns fehlt die Planungssicherheit.

Viele Unternehmen hoffen auf eine baldige Entspannung der Situation. Wie schätzen Sie die Entwicklungen ein? Für 2021 oder auch die weitere Zukunft.

Marcus Hartwig: Ich versuche die Dinge realistisch zu sehen. Und realistisch betrachtet sind die Aussichten nun mal düster. Aber wir müssen alle mit der Situation leben und das Beste daraus machen.

Ich denke nicht, dass wir am Ende des Jahres mit der Problematik durch sein werden. Dieses Problem wird uns noch weit bis ins Jahr 2022 begleiten. Das wird schon klar, wenn man auf die Auswirkungen der Pandemie schaut. Hinzu kommt, dass viele Bereiche in der Pandemie zwangsweise ein bisschen schlummern mussten. Da wird es Nachholbedarf geben. Das sind Effekte, die die Situation weiter verschlechtern.

Sie zeichnen ein eher düsteres Bild. Gibt es denn ein Licht am Ende des Tunnels? Oder vielleicht anders: Was können denn die Unternehmen tun, die auf die Bauteile angewiesen sind?

Marcus Hartwig: Ich verstehe die Bedenken der Kunden. Viele Unternehmen sind schon durch die Corona-Krise gebeutelt. Und dann zu sagen ‚Okay, ich gehe jetzt in die Vorleistung bestelle für die nächsten 1 bis 2 Jahre um auf der sicheren Seite zu sein‘, das fällt vielen schwer. Es ist eine Risikoabschätzung. Kann ich meine Produkte in der Menge dann auch verkaufen, oder bleibe ich darauf sitzen?

Aus meiner Sicht ist der einzige Weg, möglichst frühzeitig zu bestellen. Kunden sollten besser heute als morgen die kompletten Bedarfe abdecken. Also wirklich alles, was ersichtlich und aus Kundensicht vertretbar ist. Die steigenden Preise muss man hinnehmen. Darum kann es nicht gehen in diesem Zusammenhang. Es geht einzig darum, das Risiko zu minimieren. Für uns ist das wichtigste, dass unsere Kunden ihre Baugruppen bekommen und so auch ihre eigenen Produkte verkaufen können.

Es ist mehr als an der Zeit. Und ich kann es nur immer wieder so deutlich sagen. Kunden, die jetzt nicht aktiv werden, die werden vielleicht lange Durststrecken überstehen müssen. Jeder muss da eine Risikoabwägung machen. Kann ich mit so einer Durststrecke umgehen, oder sollte ich versuchen dem Problem proaktiv entgegenzuwirken, indem ich langfristig bestelle?

„Man hat es am Anfang ein bisschen belächelt, aber inzwischen ist die Situation mehr als ernst.“

Marcus Hartwig
Leiter strategischer Einkauf
A+B Electronic

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Ganz konkret für A+B Electronic. Wie sieht es bei Ihnen in der Produktion derzeit aus?

Marcus Hartwig: Derzeit ist unsere Auslastung noch im grünen Bereich. Wir bekommen jetzt viele Aufträge kurzfristig rein, die sich auf einen längeren Zeitraum verteilen. Wir können unsere Bedarfe frühzeitig anmelden und bekommen durch Allocations oder Liefertermine zu einem eher unbestimmten Zeitpunkt die Bauteile. Aber dann können wir sofort loslegen.

In unserer Geschichte sind wir schon immer kulant mit den Verträgen unserer Kunden umgegangen. Das ist jetzt auch besonders wichtig. Man kann jetzt besser zu viel bestellen und die Laufzeit anpassen lassen, als dass man ganz ohne Produkt dasteht.

Wir merken aber schon, dass einige unserer Kunden den Ernst der Lage verstanden haben. Und sollten doch mal Bauteile fehlen, setzen wir uns direkt mit der Entwicklung des Kunden zusammen. Welche Bauteile kann man alternativ nutzen? Wie können wir das Problem zusammen angehen? Das klären wir möglichst frühzeitig, bevor es die ersten Leerstände gibt. Wir lassen da niemanden im Regen stehen, denn wir sind schließlich auch gemeinsam in dieser Krise. Da kommen wir auch nur gemeinsam wieder raus.

„Das heißt aber nicht, dass Aufträge, die wir heute rein bekommen, erst in einem Jahr ausgeliefert werden. Es gibt natürlich immer noch andere Wege, die wir hier auch beschreiten um die Projekte erfolgreich umzusetzen.“

Marcus Hartwig
Leiter strategischer Einkauf
A+B Electronic

Sie sehen bei sich im Unternehmen noch offene Bedarfe oder sind sich unsicher, wie Sie mit der aktuellen Bauteilknappheit umgehen sollen? Dann sprechen Sie uns gerne an. Gemeinsam finden wir die beste Lösung für Ihre Projekte.