Die Causa Nexperia: Einordnung nach dem letzten Update
Aktueller Stand der Liefersituation und Auswirkungen auf die Beschaffung
In einem früheren Beitrag haben wir erläutert, wie wir mit der angespannten Liefersituation rund um den Hersteller Nexperia umgehen. Ziel war es, Transparenz zu schaffen und aufzuzeigen, welche Maßnahmen helfen können, trotz eingeschränkter Verfügbarkeit handlungsfähig zu bleiben. Inzwischen liegen neue Informationen vor, die eine erneute Einordnung notwendig machen.
Neue Erkenntnisse, Gesamteindruck
Aus unserer Sicht hat sich die Lage nicht verbessert. Zwar ist die Situation heute klarer strukturiert als noch vor einigen Monaten, die neuen Erkenntnisse sind jedoch nicht vielversprechend. Neu ist eine Kategorisierung der betroffenen Bauteile, die die aktuelle Marktlage deutlich widerspiegelt:
- White List: Ein kleiner Teil, der von Nexperia hergestellten Artikel, ist weiterhin unproblematisch und kann regulär beschafft werden. Diese Bauteile bilden aktuell die einzige stabile Basis.
- Grey List: Diese Komponenten können theoretisch beschafft werden. Hier ist seitens des Herstellers eine Verlagerung der Fertigung in neue Fabriken geplant. Eine reale Bauteilverfügbarkeit wird frühestens im vierten Quartal 2026 erwartet.
- Black List: In diese Kategorie fällt der überwiegende Teil der betroffenen Artikel von Nexperia. Diese Bauteile sind nicht mehr bestell- bzw. beschaffbar. Eine Verlagerung in andere Produktionsstandorte ist nicht möglich, d.h. diese Komponenten werden nicht wieder in den Markt zurückgeführt.
Eingeschränkte Lieferfähigkeit und extreme Preisentwicklungen
Die Auswirkungen dieser Einteilung sind in der täglichen Beschaffung klar spürbar. Faktisch können nur noch White-List-Artikel beschafft werden. Für alle anderen Komponenten ist der Markt derzeit weitgehend handlungsunfähig.
Lieferverzögerungen entstehen dabei weniger durch verlängerte Produktionszeiten als vielmehr dadurch, dass viele Bauteile vollständig ausverkauft oder gar nicht mehr verfügbar sind. Zusätzlich verschärfen sich Kapazitätsengpässe, da ein Großteil der betroffenen Komponenten nicht mehr nachproduziert wird. Dort, wo vereinzelt noch Restmengen am Markt auftauchen, zeigt sich eine extreme Preisentwicklung: In einzelnen Fällen haben sich die Preise im Vergleich zum ursprünglichen Niveau um ein Vielfaches erhöht, bei gleichzeitig sehr eingeschränkter Verfügbarkeit.
Fokuswechsel: Von Beschaffung zu Alternativen
Vor diesem Hintergrund empfehlen wir eine konsequente Überarbeitung bestehender Stücklisten. Ziel sollte es sein, wo immer möglich auf alternative Bauteile anderer Hersteller auszuweichen, um Abhängigkeiten von einzelnen Herstellern zu reduzieren.
Besondere Bedeutung kommt dabei herstellerneutralen Spezifikationen zu. Sind wir in der Beschaffung von Bauteilen frei und nicht an spezielle Hersteller gebunden, haben Sie uns den notwendigen Spielraum geschaffen, um auf Marktveränderungen reagieren und zukünftige Engpässe besser abfedern zu können.
Für Artikel der Grey- und Black-List muss allerdings realistisch festgestellt werden, dass es aktuell keine belastbaren Beschaffungsoptionen mehr gibt. In diesen Fällen sind technische Anpassungen oder Designänderungen aus unserer Sicht unumgänglich.
Blick nach vorn: Offenheit und Marktbeobachtung
Für die kommenden Monate wird entscheidend sein, die Offenheit für andere Bauteilhersteller stärker in den Fokus zu rücken und alternative Materiallösungen frühzeitig zu bewerten. Ebenso wichtig bleibt eine kontinuierliche Marktbeobachtung, neue Entwicklungen sollten schnell eingeordnet werden können.
Die Situation rund um Nexperia steht dabei exemplarisch für eine übergeordnete Entwicklung im weltweiten Elektronikmarkt. Steigende Preise und längere Lieferzeiten sind längst keine Ausnahme mehr, sondern entwickeln sich zunehmend zur neuen Normalität. Ein vergleichbares Beispiel zeigt sich aktuell im Speichermarkt: Neue Technologien, insbesondere im Umfeld von KI-Anwendungen, treiben die Nachfrage deutlich nach oben und führen gleichzeitig zu Ausverkäufen, Preissteigerungen und verlängerten Lieferzeiten.
Die aktuelle Nexperia-Liefersituation macht deutlich, wie wichtig Flexibilität, alternative Bauteilstrategien und transparente Kommunikation geworden sind. Kurzfristige Entspannung ist nicht absehbar. Umso entscheidender ist es, frühzeitig die richtigen Weichen zu stellen und Lieferketten langfristig robuster aufzustellen.